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Sprachreise aus Sicht einer Sprachschule

Deutsche Sprachreiseagenturen tun weniger als Verbraucher oft denken. Unterkünfte, didaktisches Material, Begleitprogramm – all das arbeiten die Schulen selbst aus. Von den Agenturen werden sie lediglich vermarktet. Und das immer öfter unbefriedigend, sagt Andrea Moradei, Direktor der Florenzer Sprachschule Koinè. Der freien Journalistin Stefanie Heine erzählte er, wie die Arbeit hinter den Kulissen aussieht, was die Agenturen lernen müssen und warum Lerner bei ihm kein typisches Italien finden. Nehmen Sie sich ein wenig Zeit dafür, es lohnt. Vielleicht lesen es auch die Damen und Herren vom deutschen Verbraucherschutz und von der ZDF Sendung WISO.

SH: Herr Moradei, Sie leiten ein Sprachschulunternehmen mit Kursen in fünf italienischen Städten, das von seinen Italienisch-Lehrern selbst verwaltet wird. Was bedeutet das und wie prägt das den Schulalltag?
AM: Koinè wurde 1980 als Vereinigung von Lehrern gegründet, die Italienisch als Fremdsprache lehren. Weil ihre beruflichen Erfahrungen nicht sehr befriedigend waren, beschlossen sie, eine neue Einrichtung zu schaffen. Diese sollte sich im Arbeitsstil sowie in den Unterrichtsmethoden von anderen Privatschulen unterscheiden und in ihrer Gesellschaftsform eine Kooperative sein – in der Hoffnung, jeder Lehrer würde sich dadurch stärker für das gemeinsame Projekt engagieren. Diese Rechnung ging auf. Heute ist jeder Lehrer und Sekretariatsmitarbeiter Gesellschafter der Kooperative, und kann sich in die jeweiligen Probleme seiner Kollegen hineinversetzten. Er kennt die allgemeinen Richtlinien für die Betriebsführung; aber auch, welchen Herausforderungen die Unternehmensleitung gegenüber steht. Noch mehr entstand durch diesen gemeinschaftlichen Arbeitsansatz: heute präsentiert Koinè eigene didaktische Methoden, die im Kurs und für die selbst produzierten Medien angewandt werden: Textbücher, Audio- und Videokassetten. Die Lehrer sind natürlich auf diese Methoden geschult. Auch beim Ziel des Unterrichts gehen wir eigene Wege: unsere Teilnehmer sollen nicht einfach nur Italienisch lernen. Wir geben ihnen durch Einführungskurse und Führungen Einblick in die Realität unseres Landes. So haben wir zum Beispiel ein Programm mit geführten Weinverköstigungen, Kochkursen und Besuchen in landwirtschaftlichen Betrieben entwickelt. Es vermittelt Traditionen der typischen toskanischen Gerichte und Weine. Weil unsere Ideen und unser Angebot so gut ankommen, konnten wir uns weiter ausbauen. Koinè hat neben Niederlassungen in Florenz Schulen in Lucca, Cortona, auf Elba und in Bologna eröffnet.

SH: Stimmt es, dass Sprachreise-Agenturen den Schulen viel Arbeit abnehmen, zum Beispiel die Organisation der Unterbringung? Was organisieren Sie für den Kunden?
AM: Die Agenturen finden ihre Arbeit bei uns schon erledigt vor und präsentieren ein Paket „Kurs und Unterbringung“, das von uns stammt. Wir haben neben dem Unterricht von Anfang an einen Reservierungsservice für die Unterbringung angeboten. Unsere Kunden würden gar nicht an unsere Schule Koinè kommen, wenn sich unser Angebot auf den Sprachkurs allein beschränkte. Sie müssten sonst nämlich zeitaufwändig selbst suchen, was nicht immer von Erfolg gekrönt ist. Wir haben also Familien, Privathaushalte, Apartments und Hotels ausgewählt, die ein gutes Preis-Leistungsverhältnis bieten. Vor allem die Übernachtung bei Familien und Singles sind nicht nur günstig, sondern auch anregend: hier praktiziert man im täglichen Gespräch mit den Gastgebern seine Sprachkenntnisse.

SH: Würden Sie wollen, dass Agenturen mehr Aufgaben der Schulen übernehmen?
AM: Nein, die Auswahl und das Angebot der Unterkünfte ist ein zu sensibles Gebiet, als dass wir es einem schulexternen Veranstalter überlassen. Aber die Agenturen sollten die Information verbessern. Sie neigen dazu, die Art der Präsentation von Sprach- und Kulturprogrammangeboten der einzelnen Schulen zu standardisieren. Häufig fordern sie bei uns Schulen keine detaillierten Informationen zu Unterrichtsmethoden und den Charakteristiken der angebotenen Programme an. Und: wenn der Kunde sich für einen Kursus eingeschrieben hat, übermitteln die Agenturen oft wenige Informationen darüber, wie der Kunde motiviert ist und was er sich von seinem Aufenthalt verspricht. Gerade weil die Agenturen eine Mittlerfunktion haben, möchten wir, dass sie der Schule und dem Kunden mehr Details liefern.

SH: Wie gelingt es Ihnen eigentlich, Ihren Kunden stets eine komfortable und interessante Unterbringung in Gastfamilien zu bieten? Die Unterbringung allgemein ist ja insgeheim das Sorgenkind der Sprachreisenbranche.
AM: Wir sind uns der Tatsache bewusst, dass das Unterbringungsangebot ein integrierender Bestandteil eines Sprachaufenthalts ist. Aus diesem Grund wählen wir Familien, gastgebende Einzelpersonen und Hotels mit Sorgfalt aus. Wir fordern nicht nur gute Zimmer und ein gutes Niveau an Sauberkeit und Komfort, sondern auch eine gewisse Gastgeberkultur. Wer Gäste bei sich aufnimmt, muss beachten, dass der Kunde ein erwachsener Mensch mit einem Interesse für die italienische Sprache und Kultur ist. Jede Gelegenheit zur Konversation und zum Gedankenaustausch hat den Wert einer guten Didaktik.

SH: Was spricht eigentlich dafür, dass Kunden nicht über eine Agentur buchen, sondern direkt bei Ihnen?
AM: Die Kernkompetenz der Agentur ist Vermarktung. Trotz Entwicklung des Internets können wir uns selbst nicht in allen Ländern und auf allen Märkten der Welt präsentieren und müssen uns folglich in einigen Ländern allein auf die Agenturen verlassen. Wir wissen, dass durch diese Vermittlung wichtige Informationen für den Kunden verloren gehen und dass seine individuellen Erwartungen nicht zu hundert Prozent erfüllt werden können. Es kann für einen Kunden von Vorteil sein, wenn er sich direkt an die Schule wendet, so er denn weiss, wonach er fragen soll. Wir jedenfalls haben die Möglichkeiten direkt mit Interessenten zu kommunizieren und können uns so ganz auf ihre Wünsche konzentrieren.

SH: Angenommen, ein potentieller Kunde interessiert sich für eine Sprachreise bei Ihnen, worüber informieren Sie ihn und wie verläuft die Buchung?
AM: Unsere didaktisch aufbereiteten Inhalte sind unsere Stärke. Diese stellen wir dem Kunden ohne Marketingtricks vor. Im Bereich des Lernens und Lehrens hat Augenwischerei nichts zu suchen. Ausserdem versuchen wir immer, uns in die Kunden hineinzuversetzen und fragen uns: Welche Dienstleistung würden wir, wenn wir die Kunden wären? Der Kunde kann folglich den Kurs telefonisch, auf dem Postwege, via E-Mail oder über unsere Internetseite buchen. Als Garantie fordern wir bei der Buchung die Zahlung von 150 Euro mittels Bank- oder Postüberweisung oder durch Kreditkartenzahlung.

Wenn wir nun den Alltag an Ihren Schulen betrachten, wie würden Sie den Flair Ihrer Schulen und Ihrer Kurse umschreiben?
AM: Wir denken immer, dass unser typischer Kunde ein erwachsener Mensch ist, der sich für die italienische Sprache und Kultur interessiert und der folglich den Aufenthalt als eine Art Urlaub betrachtet. Er will wie in der Schule lernen und ist von sich aus motiviert. Daher gestalten wir die Schule als Ort, an dem Bildungswünsche befriedigt und das Vergnügen an der eigenen intellektuellen Neugier bestätigt werden.

SH: Sprachschüler äussern oft, dass sie auf eine kompetente und adressatengerechte, pädagogische Gestaltung des Unterrichtes Wert legen. Welche pädagogischen und didaktischen Maximen liegen Ihrem Unterricht zugrunde?
AM: Zu dem, was wir bereits geschildert haben, möchten wir noch ein paar Dinge hinzufügen. Es bedarf eines besonderen Ansatzes, um Erwachsene in Italienisch als Fremdsprache zu unterrichten. Das Italienische ist keine Brückensprache und auch keine Handelssprache. Es ist eine Sprache der Kultur. Wer Italienisch lernen, interessiert sich für die Geschichte, die Kunst, die Politik dieses Landes. Die Didaktik des Italienischen als Fremdsprache ist also eine besondere Materie, die aktualisiert und studiert werden muss. Wenn man dann die Beweggründe des Teilnehmers in Betracht zieht, muss man ein gleichzeitiges Programm soziokultureller Information anbieten. „Lerne Italienisch und lerne Italien kennen“ ist unser Slogan.

SH: Wie gehen Sie eigentlich auf Lernschwierigkeiten Ihrer Schüler ein?
AM: Da wir den Schwerpunkt auf die gesprochene Sprache legen und im Unterricht Italienisch sprechen, ermuntern wir die Lerner, keine Angst vor Fehlern zu haben. Sie sollten zuerst ihre Gedanken und Empfindungen in Worte fassen, erst danach arbeiten wir an den gewählten Ausdrücken. Unsere Lehrer begleiten diesen Prozess mit der grössten Aufmerksamkeit. Das ist insofern eine Herausforderung, weil sich die Teilnehmer unterscheiden: verschiedenartige Erfahrungshintergründe, unterschiedliche Lebensalter, Art der Vorbildung sowie Nationalität. Dazu ein Beispiel: ein siebzigjähriger Lerner, der daran gewöhnt ist, alles, was er lernt, an einem Regelwerk festzumachen, darf nicht zu einer Art Improvisationstheater gezwungen werden. Er braucht unter Umständen einen integrierten Ansatz. Oder noch ein Beispiel: Ein japanischer oder chinesischer Lerner hat ganz andere Bezugssymbole, er hat nicht den Vorteil einer gemeinsamen linguistischen Bezugsstruktur in der Kommunikation. Der Lehrer muss all dies registrieren und seine didaktischen Instrumente entsprechend dosiert einsetzen.

SH: Was ist Ihnen beim Kultur- und Freizeitprogramm wichtig? Was sollen Ihre Schüler vom Land mitnehmen?
AM: Die Lerner sollen Zugang haben zu einem Stück italienischer Wirklichkeit. Wir finden, sie müssen durch die Strassen gehen und erleben, wie die Leute hier leben. Sie sollten mit der Gastgeberfamilie über das aktuelle Landesgeschehen diskutieren und ihren Standpunkt mit dem der Italiener vergleichen können. Wir wünschen uns, dass sie versuchen, ihre Meinungen in Diskussionen mit Menschen auszudrücken, die Italienisch als Muttersprache sprechen – so, als würden sie nach Italien ziehen. In diesem Punkt erleben unsere Gäste etwas, das ihnen all die Onlinetutoren oder -kurse nie werden bieten können: ein Stück authentischer soziokultureller Wirklichkeit.

SH: Wie setzt sich Ihr Kultur- und Freizeitprogramm gegenüber Standardprogrammen anderer Schulen ab?
AM: Wir wissen, was wir bieten. Bei anderen Schulen schauen wir uns mittlerweile nicht mehr um. Eines fällt uns aber auf: Vorsicht ist geboten beim Gebrauch des Adjektivs „authentisch“. Wenn man versucht, eine komplexe soziokulturelle Realität wie die von Italien vorzustellen, kann man leicht vom Authentischen zum Stereotypen abgleiten. Das merken auch die Gäste, schliesslich haben sie ein eigenes und gutes Urteilsvermögen.

SH: Wenn Sie in die Zukunft schauen – welche Entwicklungen wünschen Sie sich für den Sprachreisenmarkt und Ihr Unternehmen?
AM: Lassen Sie uns woanders anfangen, und zwar beim Tourismus allgemein. Wir hoffen, dass er die Menschen immer mehr kulturelle Unterschiede und Gemeinsamkeiten erkennen lässt und somit zur Drehscheibe für interkulturelle Erkenntnis wird. In einer Welt, in der alles für die Augen aller sichtbar ist und es kaum noch unerforschten Orte gibt, müssen wir fähig sein, das Gesehene auch zu verstehen. Sprachkurse sind Teil des kulturellen Tourismus. Wir möchten unseren Kunden geeignete Instrumente an die Hand geben, um ihre Wirklichkeit mit unserer zu vergleichen. Und das vor dem Hintergrund eines Tourismusmarktes, auf dem die Standardangebote triumphieren und auf dem es immer schwieriger wird, einen persönlichen Reiseansatz zu wählen. Hier möchten wir Augenblicke des intellektuellen Vergnügens schaffen, das sich aus der Entdeckung und aus dem Vergleich unterschiedlicher Kulturen ergibt.

Geschrieben von Alexandru Sandbrand am 14.07.08 15:58 in Rubrik: Allgemein | 0 Kommentare | 0 TrackBacks

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