Gastfamilie und Sprachreise
Die Familie oder Gastfamilie ist die Königin der Unterkünfte bei der Sprachreise. Was wird alles in diese Form der Unterbringung projiziert? Man stellt sich die italienische Mama vor, die den Sprachschüler als viertes Kind aufnimmt, die jeden Tag leckere Pasta kocht und an deren Schulter er/sie sich auch mal bei Liebeskummer oder Heimweh ausweinen kann. Der Aufenthalt bei einer Gastfamilie kann ein tolles Erlebnis sein, muss aber nicht.
Von allen Formen der Unterbringung bei einer Sprachreise ist die Gastfamilie in der Regel die kostengünstigste. Meistens auch mit Halb- oder Vollpension, kostet sie ähnlich viel wie die Schulresidenz ohne Mahlzeiten. Familien nehmen Sprachschüler aus materiellen Gründen auf, weil es ein Zusatzeinkommen ist, andere sehen es als kulturelle Erfahrung, weil die z.B. die Kinder in der Schule Deutsch lernen und die meisten verbinden beide Aspekte miteinander. Ich habe in über 20 Jahren sowohl Familien an ihren Gästen verzweifeln sehen als auch Sprachschüler an ihren Gastfamilien. Es ist kein professionelles Verhältnis, nichts was man in eine Norm zwingen kann; Verständnis und guter Wille auf beiden Seiten ist angesagt. Die Chemie muss stimmen. Wenn der Gast mit den Kommentaren zum deutschen Reiserecht in der Hand einzieht, ist das nicht die optimale Voraussetzung. Die Stiftung Warentest hat Sprachschüler zu Gastfamilien nach Malta, England und Spanien geschickt. Die Familien, von denen viele die Sprachschüler auch aus kulturellen Gründen aufgenommen haben, fanden sich dann im Sonderheft Sprachreisen wieder. Ein kurzer Auszug der Bewertungen im Sonderheft:
- Ich hatte vegetarisch gebucht, aber den Eindruck, dass einfach nur das Fleisch weggelassen wurde
- Die späte Bettruhe der Wohnungsinhaber brachte mich um meinen Schlaf (Spanien!)
- Die Gastfamilie entpuppte sich als Gespann aus einer Mutter um die 50 mit erwachsener Tochter, die regelmässig Zimmer an Sprachschüler vermietete.
- Ausserdem waren einige Gastgeber nicht an Gesprächen mit ihren lernenden Gästen interessiert.
- Bewertet wurde die Kommunikationsbereitschaft der Gastgeber.
Wie bewerte ich Kommunikationsbereitschaft? Vielleicht ein Thema für eine neue DIN Norm….
Es geht um eine kulturelle Erfahrung, die in der Regel die günstigste Form der Unterbringung bei der Sprachreise ist und bei solchen Kommentaren wäre es mehr als gerecht, die Meinung der Gastfamilien zu hören. Diese Art von Kommentaren mag gut für Sensationsjournalismus und Pressemitteilungen sein, ansonsten ist die Veröffentlichung in einem Testheft moralisch mehr als fraglich.
Das Deutsche Studentenwerk hat eine interessante Studie über ausländische Studenten in Deutschland vorgelegt. Ein Grossteil fühlt sich nicht integriert, klagt über fehlende Mobilität und dass sie keinen Kontakt zu deutschen Kommilitonen finden. Dazu kommen Heimweh, Kälte und eine neue kulturelle Umgebung. Sie fühlen sich nicht wohl in Deutschland. Hier geht es um zukünftige Fachkräfte, die der hiesige Arbeitsmarkt dringend braucht. Daran sieht man, wie schwierig die Situation in einer neuen Umgebung auch für Menschen mit einer guten Perspektive ist. Was wäre, wenn diese Gruppe sich auf das deutsche Reiserecht berufen könnte?
Geschrieben von Alexandru Sandbrand am 26.04.08 13:25 in Rubrik: Allgemein | 0 Kommentare | 0 TrackBacks

